…wollen wir darum den Wein wegschütten und die Weiber umbringen?

Dem Volk aufs Maul schauen, am Tisch vom Rülpsen und Furzen sprechen oder den Teufel an die Wand malen, wenn es darum geht mit Bildern und Worten von dem zu sprechen, was doch so menschlich ist und uns unbedingt angeht, dann ist Martin Luther nicht weit.

Die wohl bekanntesten Predigten des Reformators werden nach dem heutigen Sonntag Invokavitpredigten genannt. Sie rechnen nicht nur mit den Auswüchsen seiner Glaubensbrüder ab, sie stellen das ganze Programm seiner Kirchenreform vor: schlagfertig und deftig.

Luthers Thema ist die Versuchung, der ein Christ ausgesetzt ist. Die Versuchung seiner Zeit war, die neu gewonnene Freiheit im Glauben zum Gesetz zu erheben. So wurden, vermeintlich gottgewollt, Bilder in Kirchen verbrannt, das Fasten verlacht und jede Form von Glaubenshilfen verunglimpft. Heute werden wohl die Wenigsten von uns den Nächsten ob seines Glaubens „gräulich anschnauzen“, aber sorgt sich auch jemand darum, dass wir „nicht allein gen Himmel gedenken zu fahren“?

Gleichgültigkeit und religiöser Eifer, beides vergisst die Liebe Gottes und richtet sich gegen die Mitmenschen. Beides ist überheblich, beides beschränkt die Freiheit des Mitmenschen und beides für sich ist eine Versuchung. Martin Luther ist nichts Menschliches fremd und doch hat er immer auch Gott fest im Blick. Wenn er über Versuchungen nachdenkt, dann nimmt er den Versuchten nicht aus der Verantwortung und schickt nicht die Freiheit wegen des Missbrauchs zum Teufel.

„Wein und Weib“, so sagt er, „bringen so manchen in Jammer und Herzeleid, machen viele zu Narren; wollten wir darum den Wein wegschütten und die Weiber umbringen?“

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