Der Friede Gottes sei mit euch allen.
Amen
Liebe Gemeinde!
Manchmal tut es weh, wenn man auf sein Predigtthema trifft.
In diesem Fall fuhr es mir sozusagen mit voller Fahrt über den Fuß. Ein Kinderfahrrad mit Stützrädern. So eines wie es hier direkt über dem Taufbecken hängt. Auf diesem Rad saß hell entzückt ein kleiner Junge, der nicht groß Notiz davon nahm, denn er leistete Schwerstarbeit.
Mit den Beinen kraftvoll treten und sich darauf konzentrieren, dass abwechselnd einmal links, einmal rechts jedes Bein nach unten tritt, damit sich die Kette bewegt und das in Schwung kommt. Vor allem der Antritt ist besonders anstrengend und muss konzentriert koordiniert werden. Und damit ist ja noch längst nicht alles getan.
Unten die Beine und oben der Lenker. Nun! Auch der junge Mann hatte wohl seine Mühe mit dem Geradeausfahren. Mal gings nach links mal nach rechts. Der Parcour der Möglichkeiten ist ein weites Feld.
Am schwierigsten aber war wohl da mit der Balance. Der Po rutschte nach links – der Po rutschte nach rechts. Aber immer waren da seine beiden kleinen Begleiter, die Stützräder. Links und rechts bewahrten sie ihn davor, umzukippen. Er konnte machen was er wollte, ausprobieren, schnell die Richtungen wechseln – Umkippen konnte er nicht, denn immer wenn sich das Rad neigte, wurde es in der Waage gehalten.
Erinnern Sie sich noch liebe Gemeinde wie das war, als Sie die ersten Runden mit ihrem Rad gedreht haben? Hatten sie auch Stützräder damals? Wissen Sie auch noch wie das war, wenn es gekippelt hat und es Ihnen bergab ins Herz fuhr?
Harry! Du hast mir bei unserem Taufgespräch erzählt, wie Du Deine ersten Fahrversuche gemeistert hast. Man kann es kurz zusammenfassen: es war schmerzhaft. Noch heute können Deine Kniee ein Lied davon singen, dass Du diese eine Kurve um das Rosenbeet am Anfang nicht wirklich gekriegt hast sondern stattdessen immer und immer wieder mittendrin gelandet bist. Mal sehen, wie Eure Tochter Mia das machen wird. Ich werd’s ja erleben.
Als ich dann beim Taufgespräch bei Euch war, Jan-Lukas, dachte ich, dass das mit dem Glauben ja eigentlich ganz ähnlich ist wie mit dem Radfahren.
Da erzähltest Du mir, was Du schon alles von Jesus weißt. Ich war ganz baff. Und meine Frage, wer Dir das alles denn schon erzählt habe, sagtest Du knapp: die Lehrer in der Schule. Das heisst, auch Du hast Deine Begleiter, links und rechts, die Dir weiterhelfen auf Deinem Weg.
Deine Eltern und Deine Patin werden Dir, wie ich jetzt, in Zukunft immer wieder links und rechts helfen. Wir werden Dir von Gott und von Jesus, von der Kirche und vom Beten, über die Taufe und vieles, vieles mehr erzählen und mit Dir zusammen erleben. Wir sind dann eben mal so etwas wie Deine Stützräder weißt Du?
Wenn Du Fragen hast, dann weißt Du, dass Du zu irgendeinem von uns kommen kannst. Wenn wir weiterwissen, werden wir sie Dir direkt beantworten können, wenn nicht, müssen wir uns selbst erstmal schlau machen, vielleicht mit Dir zusammen. Wenn Du merkst, dass Du allein nicht weiterweisst, gleich warum, dann sind wir links wie rechts für Dich da und stützen und halten Dich, damit es für Dich weitergeht und Du vorankommst.
Weißt Du. Es ist nicht selten im Leben so, dass man die Hilfe der anderen braucht, dass ist genau genommen ziemlich oft der Fall, nur Ihr Kinder habt den Vorteil, dass Ihr das auch sagt. Erwachsene gewöhnen sich leider im Laufe der Zeit an so zu tun, als könnten sie die meisten Dinge schon ganz allein erledigen. Aber das stimmt gar nicht. Glaub das bloss nicht!
Aber dann – fast über nacht – kommt etwas Neues:
Irgendwann merkst Du, dass Du gar nicht mehr alles erfragen willst, sondern, dass Du Deine eigenen Antworten findest. Und das ist genau exakt der Moment, von dem an Du keine Stützräder mehr brauchst. Oder wie soll ich es sagen?
Den Jungen, der mir noch vor kurzem über den Fuß gefahren ist, habe ich, wie Sie sich sicherlich vorstellen können, nicht mehr aus den Augen gelassen. Doch eines Tages, als ich ihn wieder einmal genau ansah, waren da plötlich von einem Tag auf den anderen die Stützräder weg.
Da fuhr er schnurstracks mit einem Affenzahn um die Kurve auf zwei und nicht mehr auf vier Rädern, zirkelte an mir vorbei und lachte mich an. Schneller und sicherer als vorher. Rasen konnte er und langsam fahren konnte er, bremsen, so dass es einen riesig langen Streifen hinter ihm gab und lenken, als ob er es schon immer so gemacht hat. Er konnte es einfach: ganz allein Rad fahren.
Nun konnte es wirklich losgehen dachte ich so, nämlich auf der Straße. Doch freilich, dort auf der Straße ist es noch einmal etwas anderes als im Kindergarten. Da gelten wieder andere Regeln. Da sind irgendwie viel mehr Leute unterwegs und das will geregelt und gelernt sein. Doch das Wichtigste hatte er ja bereits, Spaß und Lust am Fahren und dass da etwas gewachsen in ihm gewachsen war.
Mit dem Glauben ist es ganz ähnlich. Nach manchem Gottesdienst oder einfach Gebet, wenn einem manches so ganz klar erscheint, man die eine oder andere Stütze links und rechts merkt und Hilfe bekommen hat, dann geht’s gleich danach wieder hinaus in die Welt. Und auch da wird’s wieder spannend, denn da sind genau so viele Menschen und Abenteuer, die auf uns warten. Und dann gilt es ebenso immer wieder neue Antworten und neue Wege zu finden, mal mit anderen zusammen, aber ganz oft auch allein.
Wenn da aber so Vieles auf uns wartet und so vieles möglich erscheint, lohnt es sich doch, noch einmal genau hinzuschauen und zu fragen: Was ist da eigentlich genau passiert, wenn man plötzlich keine Stützräder mehr braucht im Leben?
Da ist etwas geschehen, das wir nicht sehen können. Denn da gibt’s keinen sichtbaren Schalter. Nein, da ist etwas groß und stark geworden, dass schon die ganze Zeit ganz winzig klein wie ein Senfkorn und unsichtbar in uns verborgen ist.
Was ist das?
Vielleicht können wir es gar nicht in Worte fassen, sondern können wir es nur er – fahren. An und in uns selbst.
Vielleicht erst, wenn wir uns selbst auf unseren Weg gemacht und und eine gewissen Strecke abge-fahren sind. Wenn wir Er-fahrungen gesammelt haben und langsam ahnen, was so alles in uns schlummert. Ein bisschen so wie in unserem Gespräch Jan-Lukas.
Auf meine Frage vor ein paar Tagen, warum Du getauft werden willst, hast Du geantwortet:
„Weil das mit Gott…. Weil ich Gott.. weil, das ist schön….ich möchte einfach getauft werden….“
Das war eine wunderbare Antwort. Eine der schönsten, die ich je gehört habe. Glaub mir, ich habe manchmal auch auf ganz einfache Fragen nur wenig Antworten, wie wenn einer fragt:
Wie? Glauben Sie wirklich an Gott?
Und dann merke ich: Da ist es etwas in mir, dass kann ich gar nicht in Worte kleiden kann, weil es so tief, verborgen und unsichtbar in mir drin ist. Das kann der andere eigentlich nur erahnen, wenn er einen Teil meines Weges mit mir mit-fährt und an meiner Seite bleibt. Dann kann man spüren wie groß das Senfkorn schon geworden ist, wohin seine Zweige wachsen.
Einen kleinen aber feinen Unterschied zwischen Radfahren und glauben zu können, gibt es aber doch:
Niemand, der einmal gelernt hat Rad zu fahren, wird sich wieder Stützräder am Rad befestigen. Wenn man es kann, kommt man auch so durch fast jeden Verkehr und meistert jede Strecke.
Im Glauben aber gibt es immer wieder Strecken, auf denen wir Stützen und Hilfen brauchen. Wenn wir allein nicht mehr weiter wissen, wenn wir verzweifelt oder traurig oder ohnen Hoffnung sind.
Dann gilt immer und überall: Stützräder sind nicht nur erlaubt sondern lebenswichtig. Menschen, die links und rechts neben mir sind. Gott der mich hält, damit ich immer wieder vorankomme. Denn wo Glaube nicht in Bewegung bleibt und erfahrbar wird, da steht er auf der Stelle und kann er nichts bewirken.
Das gilt immer und überall, denn gleich wie alt und lebensklug wir sind, wir sind und bleiben Zeit unseres Lebens Kinder Gottes. Dicke und dünne, große und kleine, blonde, braune und schwarze, junge und alte Kinder.
Kinder, gleich wie alt, die trotz dieser verborgenen wundersamen Kraft in uns trotzdem und überall Stützen brauchen und bekommen, wenn wir es sagen.
Dafür garantieren Eure Eltern, Paten und Taufzeugen.
Dafür garantiert Eure Gemeinde.
Und dafür garantiert Euer barmherziger Gott – links und rechts in Eurem Leben.
Amen