Predigt zum Fahrradgottesdienst am 4. Mai 2008 von Pastor Christian Gauer:
Der Friede Gottes sei mit euch allen. Amen
Liebe Gemeinde!
Ein Tandem unter der Kirchendecke! Das ist ein lang gehegter Traum von mir, und nun sollte er wahr werden.
Vor ein paar Monaten begann ich herumzutelefonieren bis mir der christliche Blindendienst wieder einfiel. Ich freue mich, dass einige von Ihnen liebe Mitglieder des Vereins auch heute wieder gekommen sind, und dass sie seit des ersten Fahrradgottesdienstes immer irgendwie dabei sind, wenn ein Sehender und ein Blinder zusammen mit einem Tandem die Welt erfährt oder einfach zum Gottesdienst nach Moisling kommt.
So kam ich durch Sie also zu diesem geliehenem Tandem und fuhr es von der St. Gertrud-Gemeinde hierher. Schnell gings und viel leichter als ich dachte. Prima! Mein Traum geht in Erfüllung, dachte ich da noch. Doch es kam anders als gedacht.
Denn natürlich sollte es gleich zu zweit weitergehen, und da mein radbegeisterter Nachbar gerade zur Stelle war, saßen wir auf, er vorn, ich hinten und wollten los. Aber es ging nicht so flink: denn ob allein oder zu zweit auf einem Tandem zu sitzen, das merkte ich dann sehr schnell, das ist ein himmelweiter Unterschied.
Schon das Anfahren ist eine Herausforderung, ein gefährliches, hilfloses Hin und Her bis wir gemeinsam Tritt gefasst hatten. Als wir das endlich geschafft hatten, blieb es irgendwie hilflos – für mich zumindest – denn am hinteren Lenker kann man nicht lenken sondern sich nur festhalten. Sehen, ob ein Schlagloch kommt, kann man auch nicht, außer einem entzückenden Rücken. Nein, das ist nicht das übliche Radfahren, dass man von diesem Zeitpunkt an neu lernen muss; es ist mehr. Aber was eigentlich genau?
Wer könnte mir davon besser erzählen, als ein Tandem-Paar mit Erfahrungen? Ich suchte und fand bald ein besonderes Paar. Eines, das mir mit lachenden Augen Ihre Geschichte erzählte. Es war – so viel darf ich vielleicht zu Beginn sagen – für mich ganz unerwartet eine Liebesgeschichte.
Er suchte vor Jahren Zerstreuung, neue Aufgaben und vielleicht auch Kontakte. Sie suchte einen Piloten, der mit ihr die Welt bechradelt. So trafen sie sich, und der Pilot erlebte ansatzweise dieselben Schwierigkeiten, wie ich vor ein paar Tagen. Gemeinsames Aufsitzen, gemeinsam Tritt fassen, gemeinsam den Rhythmus finden, dann doch ein schwungvoller Anfang – der auch gelang – wohl besser als der Meinige.
Er hatte, bevor es losgehen sollte, viel nachgedacht über seine neue Aufgabe. Wie wird das wohl sein? Blinde Menschen sind bestimmt traurige Menschen. Und übehaupt: Können wir uns unterhalten? Finden wir eine gemeinsam Basis, wo ich als Sehender die Welt völlig anders erlebe, ja doch so im Vorteil bin? Fragen über Fragen.
Sie machte sich ebenso ihre Gedanken. Ist er ein sicherer Fahrer? Stimmt die Chemie? Wenn wir auf dieser Tour nun ein paar Tage unterwegs sind – werden wir überhaupt einen gemeinsamen Nenner finden können?
Dann ging es los. Die Fragen machten langsam den ersten Erfahrungen Platz – Kilometer für Kilometer. Es wurde viel gelacht. Witze kursierten, beste Stimmung.
„Was dachtest du denn?“ sagte sie ihm irgendwann, „wir sind ganz normale Menschen. Wir können nur nicht sehen.“
„Aber sag mal: Wie sehen die Pferde aus?“ fragte sie weiter und er antwortete: „Hier sind keine Pferde.“
„Doch“ beharrt sie. „Nein“ beharrt er – der sehende Pilot bis er die stattlichen Vierbeiner endlich wahrnahm.
Sie aber hatte längst den Duft von Pferden in der Nase und war ihm wieder mal ein Stück voraus, sowie beim Hören des Vogelgeschwitzers – oder beim Lauschen wie sich der Gleichklang ihrer kreisenden Beine anhörte.
Nicht nur das diese erste Fahrt der Beginn einer zauberhaften Liebesgeschichte wurde, überhaupt hat Tandem fahren wohl etwas mit Vertrauen zu tun. Sich dem Fahrenden anvertrauen zu können und umgekehrt darauf zu vertrauen, dass der andere sich auch wirklich fahren und führen lässt.
Nach diesem Gespräch war ich dankbar, etwas dazu gelernt zu haben und fuhr trotzdem etwas verwirrt nach Hause – vielleicht ähnlich wie der Pilot, dessen Vorurteile über Blinde sich nach der ersten Tandemfahrt wunderbar aufgehoben hatten.
Aber ins Grübeln gekommen dachte ich darüber nach, wie oft ich eigentlich mit meinen sehenden Augen, Menschen nicht im Blick habe, für die ich eigentlich da sein möchte:
Menschen, die auf einen Besuch warten, aber immer kommt mir irgendwas dazwischen, das wichtiger zu sein scheint.
Ich dachte an unsere Gemeindearbeit und wo wir immer wieder mal unsere Ziele aus den Augen verlieren, weil wir mit ganz anderen Dingen beschäftigt sind. Mit Bau-, Finanz- oder Strukturfragen – statt mit den Menschen, die uns jetzt brauchen.
Mir fielen die Situationen ein, in die ich sehenden Auges reingelaufen bin, obwohl ich ahnte, dass Gott dort nicht zu finden sei:
wenn wir uns sorgten um unsere Zukunft, statt zu hoffen
wenn wir uns abstrampelten statt Rast zu machen,
wenn wir über Dinge hinwegsahen,
statt Gott im Kleinen zu entdecken,
sehend, riechend, spürend, tastend oder hörend.
So als ob ich mich selbst trösten wollte, dachte ich an die vielen Geschichten der Bibel, in denen es heisst, dass Gott mich trotzdem begleitet. Gott lässt mich auch dann nicht allein, dachte ich, wenn ich Fehler mache, wenn ich gegenüber den anderen blind bin.
Und ich dachte an das Tandem und dass es wie ein Gleichnis sein könnte, wenn er mich führt und leitet. Nein, Gott lässt mich nicht allein. Was für ein Trost. Er fährt mit. Und dann stellte ich mir das bildlich vor.
Gott lenkt vorn - ich fahre mit.
Er gibt das Tempo vor – ich trete mit.
Er sieht, wohin wir fahren – ich folge ohne den Weg zu sehen.
Und dann merkte ich – So ein Quatsch, das stimmt doch gar nicht.
Ständig entscheiden wir doch selbst ob wir links fahren oder rechts. Z.B. wählen wir als freie Bürger bei der kommenden Kommunalwahl, wer unsere Stadt regiert. Wir selbst, niemand anderes
entscheidet, ob wir teurere Bioprodukte oder Massenware kaufen.
Wir haben die Wahl mit dem Rad oder dem Auto zur Arbeit zu fahren, den Fernseher anzuschalten oder uns mal wieder zu unterhalten, Gott Zeit zu schenken oder nicht.
Wir können entscheiden, ob wir allein in unserer Wohnung bleiben, oder versuchen Kontakt zu knüpfen, mit Vereinen, mit der Kirchengemeinde, mit den Nachbarn. Wir haben sogar die Freiheit, Konflikte zu schüren oder zu vermeiden.
Ja, so herum macht es wohl wirklich mehr Sinn. Wahrscheinlich sitzt Gott vielmehr hinter mir – und vertraut auf meine Entscheidungen. Er tritt mit in die Pedale, wenn es bergauf geht und er freut sich mit mir, wenn uns der Wind durch die Haare geht. Er trägt meine Entscheidungen links oder rechts zu fahren mit, denn er hat uns die Freiheit geschenkt, dafür zu sein oder dagegen; Ja oder nein zu sagen. Er vertraut meinen Entscheidungen.
Ja das gefiel mir schon besser und trotzdem…
… und trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass ich in meinem Leben manchmal Wege eingeschlagen habe, die nicht ich sondern andere oder ein anderer für mich ausgesucht haben.
Es ist sonderbar, vielleicht kennen sie das. Man hat eine schwierige, sehr schwierige Strecke seines Lebens hinter sich gebracht. Man hat tiefste, dunkelste Täler durchfahren, hat gefährliche Passagen bewältigt und die Anstrengung sitzt einem noch in den Knochen – vielleicht auch Angst oder Traurigkeit - und dann dreht man sich um und fragt sich:
Wie habe ich das bloss geschafft?
Manchmal hat Gott dann vielleicht ganz konkret gehandelt, in dem er uns einen Menschen zur Seite gestellt hat. Jemanden, der vor oder hinter uns Platz genommen und mitgekämpft hat und die Ihnen erst jetzt, wo Sie zurückblicken erst wieder in den Sinn kommen. Verwandte, Freunde, Vereinsfreunde, oder fremde Wegbegleiter, die zur rechten Zeit da waren. Erinnern Sie sich:
Jetzt kann eine kleine Zeit sein, Gesichter und Stimmen wieder in Erinnerung zu rufen, die uns begleitet, die uns geholfen haben. Zeit, in Gedanken Danke zu sagen.
Gleich wer Ihnen bei der nun folgenden Musik in den Sinn kommt, eines ist gewiss:
Gott war und ist dabei – auch und gerade – wenn wir es nicht mehr zu hoffen gewagt haben. Er ist mehr als die Ahnung, dass wir nicht allein sind. Er gibt Mut und Kraft die Routen zu fahren, die wir nicht miteingeplant haben – und doch zu unserem Tourenpaln gehören. Er ist die Garantie, dass auch unsere Fahrt durchs Leben eine Liebesgeschichte werden kann. Eine, in der es um Vertrauen geht und um Zusagen, so wie der:
„Und siehe ich bin bei Euch alle Tage, bis an der Welt Ende.“
Gleich wohin unser Weg auch führen mag. Wir waren und wir sind nicht allein. In diesem Sinne, schließen Sie, wenn Sie mögen die Augen, fahren Sie eine Lebens-Strecke noch einmal, die Ihnen zu Herzen ging und bleiben Sie vertrauensvoll behütet. Amen