Predigten und Texte

Predigt zur Konfirmation am 22. Mai 2011 durch Pastor Gauer

So nun ihr Lieben! Ihr werdet
konfirmiert. Ihr kennt Euch also jetzt in Sachen des Glaubens und des lieben
Gottes aus und so drum hier eine Frage, die ihr mir vielleicht beantworten
könnt. „Trägt Gott eine Brille?“ Ihr glaubt vielleicht, nicht richtig gehört zu
haben, aber ich meine es genau so: „Trägt Gott eine Brille?“

Verrückte Frage oder? Habe ich vor
einiger Zeit auch gedacht. Da kam ich nämlich in den Kindergarten und trug
gerade zum ersten  Mal eine Brille. Da
kam ein kleiner Junge schaute mich ganz eindringlich an und sagte: „Du hast ne
Brille!“

„Ja“, sagte ich. „Gefällt sie dir?“

„Warum hast du eine Brille?“, fragte
er ganz unbeirrt weiter.

„Wenn man älter wird, dann braucht
man manchmal eine Brille“.

„Warum?“ fragte er nur noch kurz.

„Na weil da die Augen schwächer
werden, wenn man älter wird.“

Er überlegte eine ganze Zeit und dann
kam seine Frage.

„Dann trägt der liebe Gott auch eine
Brille?“

Nun war ich es, der verdutzt „Warum?“
fragte.

„Weil er doch auch schon ziemlich alt
ist. Hast du doch immer gesagt.“ sprach er und ging weiter.

Tja da hat sich jemand richtig
Gedanken gemacht.. Und seit dem denke ich:

Trägt Gott nun eine Brille? Wenn ich
die Frage ein wenig anders stelle heisst sie:
Wie gut sieht Gott?  oder
Was kann er sehen?

Wir haben gemeinsam erlebt, dass
manch knifflige Frage im Leben durch Geschichten in der Bibel beantwortet
werden. Also habe ich mal nachgeschaut, ob es auch in diesem Falle dort eine Antwort
gibt. Und da braucht man gar nicht lange zu suchen, wenn es dort im Psalm 139 heisst:

 Gott! Ich gehe oder liege, so bist du um mich

und siehst alle meine Wege

Kleiner Satz – große Wirkung, wenn
das wahr ist. Was heisst das aber genau, dass Gott all unsere Wege sieht,
beipsielsweise die der letzten anderhalb Jahre in Euer Konfirmandenzeit ?

Was hat er da alles sehen können!

So z.B. Eure Wege zum Konfirmadenunterricht zu unseren Stunden
im Reußkamp, wenn wir gemeinsam gebetet haben, wenn wir uns unterhalten haben,
über unseren Kummer und unsere Freuden,

ich gehe – du
siehst alle meine Wege

 oder wenn wir draußen waren bei
unseren herrlichen Spaziergängen
rund um Moisling, als wir den ersten Schnee des Winters begrüßten und auf dem
vereisten Pfützen in der Aue geschlittert sind, oder an der Trave in vor den
Bäumen saßen und uns unterhalten haben, und Eis gegessen

ich gehe – du
siehst alle meine Wege

 als wir gemeinsam unseren Film „Und führe uns nicht in Versuchung“
gedreht haben und ihn im Gemeindenhaus vor vollem Haus nebenan gesehen haben;
als ihr aus dem 6 Meter-Limousine ausgestiegen seid und auf dem roten Teppich
entlanggegangen seid, durch das Spalier hindurch alle fünf Zentimeter größer

ich gehe – du
siehst alle meine Wege

 oder als wir gemeinsam in Holland mit den Motobooten auf dem
Jsselmeer unterwegs waren – 8 herrliche Tage lang. Ihr lagt an Deck und habt
auf die glitzernde Nordsee geschaut

ich liege – du
siehst alle meine Wege

und natürlich auch als wir in der Lübecker Innenstadt die Aegidienkirche
und den Dom besucht haben, und wir zum Schluss alle bei Pizza zusammensaßen und
über Lübecks riesige Kirchen gestaunt haben.

ich sitze – du
siehst alle meine Wege

 Und vielleicht ist es an dieser
Stelle ganz schön zu wissen, dass Gott zuweilen auch mal ein Auge zukneift, oder
auch zwei, doch wir können uns darauf verlassen

...
du siehst alle meine Wege

Brille! Ja oder nein?

In den anderthalben Jahren habt ihr
einen besonderen Durchblick erhalten, was Euch selbst und was Gott angeht. Wir
haben uns oft darüber unterhalten, dass wir Gott weder sehen noch fühlen können
und erst recht nicht anfassen. Nein nicht mal ein Bild können wir uns von ihm
machen.

Aber wir können sagen, was er für
Euch tut,

wenn er Euren
Weg im Blick
hat und Ihr wissen dürft:

Ihr seid zu keiner Sekunde Eures Lebens allein,
wenn er Eurch beten sieht, und Euch vesprochen ist, dass es immer einen gibt, der
Euch zuhört, ganz egal zu welcher Zeit

und wenn er nicht aus den Augen verliert,

wie er Euch eigentlich gedacht und gemeint
hat

und Euch in Euren Träumen daran
erinnert:

 einzigartig,

jede und
jeder mit eigenen Begabungen, Fähigkeiten,
Möglichkeiten und Grenzen.

Wo Ihr das im Konfirmandenunterricht bei Euch
selbst oder bei anderen gesehen habt, habt ihr angefangen so zu sehen, wie Gott
Euch sieht.

Nun also! Nein!

Dazu braucht Gott keine Brille. Wie wäre
das auch kompliziert mit Fern- oder Weitsicht oder sogar einer Gleitsichtbrille?
Dies ist eine wunderbare Erfindung für uns Menschen. Gott braucht das nicht.

Was Euch versprochen ist, dass ER
Euch nicht aus den Augen verliert, dass wünscht er sich auch von Euch:

 Dass Ihr erkennt, wie es Gott mit Euch gemeint hat. Was er Euch mitgegeben hat, um ein
erfülltes Leben zu führen.

Dass Ihr seht,
wie schön diese Welt ist, wie kostbar und zerbrechlich.

Dass Euch ins Auge fällt, wenn Ihr selbst oder ein anderer vom Weg abkommt und Eure
Hilfe braucht.

So wünschen wir alle, die wir Euch
heute auf die nächste Wegstrecke begleiten, auf der Ihr selbst entscheiden
könnt,

dass Ihr immer ein Auge drauf habt,
wo Ihr seid, wo die anderen und wo wohl Gott gerade sein könnte,

 der sie sieht –  alle Eure Wege.

 Amen

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Fahrradgottesdienst am 2. Mai 2010

Das Evangelium steht geschrieben bei Lukas im 17. Kapitel:

Als Jesus aber von den Pharisäern gefragt wurde:

„Wann kommt das Reich Gottes?“

antwortete er ihnen und sprach:

Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man’s beobachten kann.

Man wird auch nicht sagen: „Siehe, hier ist es!“ oder: „Da ist es!“

Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.

Der Friede Gottes sei mit euch allen.   Amen

Predigt

Liebe Gemeinde

Wir alle wären nicht da, wo wir jetzt sind, wenn nicht vor 6000 Jahren Menschen in einem weitentfernten Land namens Mesopotamien eine folgenreiche und unglaubliche Erfindung gemacht hätten.

Damals war, wie heute auch, die Arbeit hart. Die Arbeit auf dem Feld, das Hin und Her von Saat und Ernte, Steinen und Holz. Das viele Tragen war mühsam und beschwerlich. Niemand weiss, wer dann auf die Idee kam, Bretter, wenn auch nicht so perfekte wie heute aus dem Baumarkt, nebeneinander zu befestigen, sie kreisrund zu schneiden und unter einem Karren zu befestigen.

Vielleicht kam einem Töpfer die Idee, nachdem er an seiner Töpferscheibe ins Grübeln kam. Keiner weiss es wirklich, denn schreiben konnte ja noch niemand – vor 6000 Jahren in Mesopotamien. Aber was dann geschah war ein echter Meilenstein in der Geschichte der Menschheit, denn das erste Rad war erfunden. Der erste Karren half zwar erst mühsam und holperig, aber doch sehr erfolgreich, Güter und Menschen zu bewegen.

Seitdem hat die Geschichte des Rades die Weltgeschichte verändert. Man denke nur an die Mühlräder in den Mühlen, die Wasserräder an Flüssen und Bächen und an die Laufräder in den Lastkränen des Mittelalters, die halfen unsere herrlichen fünf  Innenstadtkirchen zu bauen. Man denke an die vielen kleinen Räder, die man für Uhren fertigte, um die Zeit zu messen oder an den ersten Adventskranz der Welt, der aus einem Wagenrad von Johann-Hinrich-Wichern gebaut wurde.

Warum schrieb das Rad eine solche Erfolgsgeschichte? Weil durch das Rad  das Leben jedes Einzelnen leichter und schneller wurde. Räder helfen seitdem Früchte von fernen Ländern auf unseren Mittagstisch zu bringen. Räder unter Autos und  Flugzeugen, unter dem Spaceshuttle oder ICEs machen große Entfernungen klein und helfen uns innerhalb kürzester Zeit fremde Länder, Menschen und Kulturen zu besuchen und zu verstehen.

Sie helfen uns, die Welt zu entdecken und wenn es sein muss, fast im Handumdrehen. Manchmal zu schnell. Denn die Erfahrung, dass manches, das an Fahrt gewinnt, ungebremst in die Katastrophe führen kann, kennen wir alle. Das gilt im Kleinen für unsere ersten Rollerfahrten und gilt im Großen für ICEs und Busse. Denn der eigentliche Segen des Rades – ohne Bremsen wird er zum Fluch. Stellen wir uns nur eine Schrecksekunde lang Kinderwagen, Auto oder Rollator ohne Bremsen vor – sofort verstanden… Bremsen können Leben retten.

Spätestens hier liebe Radfahrer werden Sie sich fragen:

Wenn das alles so hilfreich ist, so schön und gut, hilft uns das alles eigentlich auch in Sachen Glauben?

Räder – Bremsen – fahren – halt machen – glauben?

Unser Glaubensweg hat in der Regel bei fast allen von uns damit begonnen, das uns die Räder unseres Kinderwagens zu unserer Taufe in die Kirche rollten. Dort stand er dann, unser erster Kinderwagen neben dem Taufbecken – mit angezogener Bremse – und es wurde still in der  Kirche Es galt, eine wichtige Frage zu beantworten.  Andere haben das für uns getan. Paten und Eltern haben über unser kahles Köpfchen gestrichen und für uns die Frage beantwortet, ob wir getauft werden wollen. Sie haben laut gesagt:

„Ja mit Gottes Hilfe.“ und dann floss überraschend kühles Wasser über unseren Kopf. Stille, Pause und das Versprechen Jesu:

„Siehe ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende.“

Da war Gott nah.

Dann verging eine ganze Weile, bis wir wieder einmal ganz bewusst den Gang rausgenommen und angehalten haben. Spätestens in der Konfirmandenzeit konnte anderes wichtig werden, als Schulleistung oder Termine.

Da standen nicht nur die vor dem Gemeindehaus abgestellten Räder still. Drinnen im Gemeindhaus war Zeit für Fragen wie:

„Wer bin ich?“ „Wer bist Du?“ Kein sich-beweisen-müssen, keine Leistung um jeden Preis. Und wie bei den Konfirmationen der letzen beiden Wochen, stellen sich die Konfirmanden im Kreis auf, halten inne und sagen laut Ja zu ihrem Gott mit ihrem Bekenntnis:

„Ich glaube Gott den Vater…“ Da war ein Stück Himmel.

Der Fahrradgottesdienst heute ist nur eine von vielen Möglichkeiten zur Ruhe zu kommen und in sich zu gehen.

Eine andere ist unsere jährliche Hollandfreizeit für Jugendliche. Dann begegenen wir Rädern wie diesem schönen, das uns Naomi Scherk geliehen hat, alle paar Minuten. Dann nämlich, wenn die Menschen unsere Boote am Kanal fahrend begleiten und uns zuwinken.

Wenn neue Freundschaften geschlossen und neue Erfahrungen gesammelt werden. Wenn wir zur Andacht auf dem Iysselmeer oder auf einem der Kanäle ruhig werden, die Zahnräder im Motorraum still stehen und wir in  Wind und Wellen mit allen zusammen auf wankendem Schiffsboden beten:

„Vater unser im Himmel geheiligt werde dein Name…“

Jahre später – vielleicht – rollen die Räder z.B. eines VW-Golfes mit einem aufgeregten Hochzeitspaar vor die Kirche, so wie am Freitag vor einer Woche Ihr beide Karen und Heiko.

Bremsen vor der Kirche – Halt machen, durchatmen, Pudding in den Knien, Glück verströmen und dann eine ganz besondere Antwort: „Ja mit Gottes Hilfe.“ Da wars.

Unser Leben bleibt nicht so rasant. Die Räder, die uns fuhren, trugen und schoben, rasen nicht immer schneller bis zum Schluss. Irgendwann werden sie langsamer und ruhiger; nach vielen, vielen  Kilometern. Welch wunderbare Erfindung kann uns dann helfen, wenn wir alt und gebückt unseren Gang dem Rollator anvertrauen können. Wenn wir dann hin und wieder die Bremsen anziehen und uns zur Andacht setzen. Im Pflegeheim oder in die Kirche. Stille und die alt vertrauten Worte: „Gott segne dich und behüte dich…..“

Irgendwann – viele Jahre später wird es sein wie am Anfang: Dann drehen sich vier kleine Räder. Doch nun bewegen sie andere. Denn auf diesem dunklen Karren liegt obenauf auf letzter Fahrt mein Sarg. Still die letzten Meter hier auf Erden bevor ein anderer über mich den letzten  Segen spricht.

„Der Herr nimmt dich in Gnaden an.“

Überall dort liebe Gemeinde bekam die Ahnung Nahrung; Nein. Der Himmel ist nicht irgendwo weit vor uns. Dort, wohin wir nur schnell genug fahren müssen, jagen müssen.

Überall dort konnte wahr werden, dass der Himmel ganz nah bei uns, vielleicht in uns ist, wenn wir uns nur Zeit nehmen – anzuhalten und nichts mehr zu tun als zu horchen.

Liebe Gemeinde! Halten wir also genau hier inne – machen wir für eine kleine Weile Rast und erinnern uns in der Stille, wo wir uns das letzte Mal Zeit genommen haben, die Räder ausrollen zu lassen – zu horchen, wo Gott uns sagt: „Halt an halt an. Wo fährst du hin? Der Himmel ist in dir!“

2 Minuten Schweigen und dann…

leise beginnen zu singen:

„Halt an halt an. Wo fährst du hin?

Der Himmel ist in dir, der Himmel ist in dir.

Suchst du Gott anderswo,

du fehlst in für und für.“

(und alle machten mit….)

Amen

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